Unter freiem Himmel – Nacht der Wohnungsnot | Hometown Glory

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Unter freiem Himmel – Nacht der Wohnungsnot

Einmal wollte ich dieses Jahr noch im Schlafsack am Meer aufwachen. Aber das Wetter machte mir einen Strich durch die Rechnung. Und so kam mir das Sleep-Out bei schönem Wetter am 23.9.2010 als Protestaktion im Rahmen der “Nacht der Wohnungsnot” gelegen.

Nacht der Wohnungsnot Mit dieser Aktion wurde auf die miserablen Zustände bei der Unterbringung von Obdachlosen und auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Hamburg aufmerksam gemacht. Der Abend startete mit guter Musik, Programm, Feuertänzerin und Suppe am Michel. An die 500 Hamburger – Wohnungslose, Mitarbeiter von Hilfeeinrichtungen und privat Engagierte – waren dabei. Und natürlich konnte man verschiedenste Initiativen kennenlernen.

Am Mitternachtsbus erzählte mir Frank, der ganz frisch als Ehrenamtlicher dabei ist, von seinen ersten Mitternachtsbus-Erlebnissen. Als Ehrenamtlicher hilft man einmal im Monat, mit dem Bus heiße Getränke, Brote, warme Decken, Kleidung, Schlafsäcke und vorallem menschliche Wärme und Gespräche zu den Obdachlosen zu bringen. Frank freute sich über die netten Leute in seinem Team, und über die spannenden Gespräche die er bereits geführt hatte.

Nachdem ich meinen Schlafsack bei zwei Schülerinnen (die hier übernachten und dann direkt zur Schule gehen wollten) gelassen hatte, guckte ich mich nach bekannten Gesichtern um. An der Nachbarfeuertonne traf ich auf zwei Bewohnerinnen von dem Hauswohnprojekt aus Ohlsdorf, und erfuhr mehr über Lebensgemeinschaften in Hamburg und Berlin. Neben uns im Sangria-Dunst, beobachtet währenddessen jemand scharf das Feuer “Es ist hinterhältig. Guck jetzt ist es klein. Aber dann wieder groß. Nein, ich mag es nicht das Feuer.”

Langsam wurde es kälter, und ich war froh über die Feuertonnen und den Mitternachtsbus mit heißen Getränken. Dort hatte ich dann auch das spannendste Gespräch der Nacht. Ein älterer Obdachloser erzählte mir aus seinem Leben als Alkoholiker und von seiner Begegnung mit Willy Brandt. Aber schließlich wollte er los zu seiner Platte. Und ich machte mich auch auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz. So langsam stieg der Vollmond über den Michel. An einer Feuertonne weiter weg von der lauten Straße lernte ich die Pädagogen Doro & Bea kennen, die zusammen mit ihren Mädels aus dem Projekt Sperrgebiet übernachten wollten. Es ging ans Karten spielen. Und dann fingen ein paar der Mädels erstmal an, die Zivis am Platz anzuflirten. Nur wenige Gesprächsfetzen aus den Unterhaltungen der Mädels neben mir zeigten mir, dass sie aus einer anderen Welt kommen. “Und der hat echt nur fürs angucken bezahlt”. “Naja, Du weißt schon der Raum mit dem großen Ehebett, Spiegeln an Wänden und Decke”.

Mitten in der Nacht startete an der Feuertonne nahe der Straße ein lauter Streit. Aufgrund fehlender Koordination schien sich jemand angepisst zu haben, und leider jemand anderen dazu. Eine Schlägerei blieb zum Glück aus. Ich war froh hier zwischen den Mädels zu liegen. Und zu wissen, dass Bea, Doro und ein Security die Augen aufbehielten. Und ich wegdösen konnte – wenn mich der Straßenlärm, die Kälte und die lauten Unterhaltungen ließen.

Frühstück bei der Nacht der WohnungsnotMorgens um 7 Uhr startete der nächste Tag mit Brötchen, Kaffee, und einer freundlichen Begrüßung durch die ehrenamtlichen Helfer. Noch im Halbschlaf informierte mich mein Gegenüber über Verschwörungstheorien. Und dass ich Glück hatte diese Informationen zu erhalten, da er beinahe Zwangseingewiesen worden wäre. Total erledigt von der Nacht mit wenig Schlaf machte ich mich auf nach Hause in mein Bett, das ich zum Glück habe.

Ich werde (wahrscheinlich) nie erfahren, wie das Leben als Obdachloser ist. Aber diese eine Nacht hat mir gezeigt, wie kalt es ohne Feuertonne sein kann, und mit wem ich mir vielleicht die Straße teilen würde. Eine Nacht mit vielen neuen Gesichtern und Ansichten.

Der Artikel von Hinz & Kunzt zur Nacht der Wohnungsnot: Mit Feuer und Musik

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