Partizipation fördern (19.NPO-Blogparade) | Hometown Glory

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Partizipation fördern (19.NPO-Blogparade)

Die 19. NPO-Blogparade beschäftigt sich mit der Frage: “Echte Partizipation fördern – aber wie?” Ich werde dazu ein paar Erfahrungen aus meiner praktischen Arbeit beitragen. Dabei gehe ich auf die Definition der A-/B-/C-Engagierten in Stefan Zollondz Beitrag ein.

Hintergrund der aktuellen Blogparade ist der Beschluss zur nationalen Engagementstrategie der Bundesregierung. Noch bis zum 17.12.2010 kann jeder von uns auf engagementzweinull.de seine Meinung zu den einzelnen Strategiepunkten äußern und so Einfluss nehmen.

Erfahrungen

Ich arbeite seit vielen Jahren am Thema Partizipation. Mir ging es dabei nie um Spenden, Petitionen, oder Online-Dialoge für globale Projekte sondern immer um das gemeinsame Umsetzen von Projekten. Dabei interessierten mich besonders Projekte in Gründung.

Zunächst versuchte ich mit der Plattform Weltretter.org, den Aktiven (A-Engagierten) Unterstützer (B-Engagierte) zur Seite zu stellen. Jeder konnte auf Weltretter.org sein Idee zum Weltverbessern präsentieren, und direkt Aufgaben stellen, bei denen er/sie Unterstützung braucht. Wie es heute bei ifwerantheworld.com oder sparked.com mit microactions möglich ist. Doch es ergaben sich erste Probleme: Aufgaben wurden nicht klar formuliert, das Matching war nicht ausgereift, und der Erstkontakt von Helfer zu Projekt passierte auch nicht von allein.

Ich forschte weiter im lokalen offline Agieren, bei der Organisation der socialbar Hamburg und des UrbanCamp 2010. Durch das gemeinsame Lösen kleiner Probleme von Initiativen entstanden erste Gespräche undKontakte zwischen den Teilnehmern, und zum Teil langfristige Zusammenarbeit.

Seit Juli 2010 arbeite ich nun hauptberuflich an dem Projekt Hometown Glory, sozialer Abenteuerurlaub.

Ich organisiere mit Initiativen Veranstaltungen, bei denen

  • konkrete Aufgaben für sie gelöst werden,
  • ihre Idee an mehr Öffentlichkeit weitergetragen wird (u.a. hier im Blog)
  • und bei denen sie (wenn gewollt) neue Ehrenamtliche gewinnen können.

Für die Teilnehmer bringt es

  • eine neue Sicht auf ihre Heimatstadt,
  • Kontakte zu engagierten Menschen (die ihre Stadt zu dem machen was sie lebenswert macht, was auch insbesondere für Neu-Hamburger interessant ist)
  • Zugang zu den Initiatven, und die Möglichkeit Ansprechpartner und Kultur unkompliziert und ohne Verpflichtungen kennenzulernen

Bei der Arbeit mit den Initiativen analysiere ich mit Ihnen, welche Bedürfnisse sie haben, und wie die Veranstaltung den Teilnehmern ein Erfolgserlebnis bringt. Nach den ersten Gesprächen mit den Initiativen ist mir nun klar, dass nicht jede Initiative langfristige Ehrenamtliche sucht! Es gibt gute Teams die an einem Projekt arbeiten, und gut aufgestellt sind. Was sie gut gebrauchen können sind Gelder oder andere Spenden. Und vielleicht mal Hilfe bei einem einzelnen Projekt. (Dann eignen sich die Online-Plattformen für Micro-Actions wiederum sehr gut.) Auf der anderen Seite gibt es Gründer, die noch ohne ein Team da stehen und vollkommen überlastet garnicht wissen, wo sie anfangen sollen. Je nach Phase der Initiative ergeben sich vollkommen unterschiedliche Bedürfnisse und Möglichkeiten.

Strukturen verändern

Es ist einfach zu sagen, die Organisationen müssen nur ihre Strukturen für Engagenement ändern. Aber vielleicht ist es garnicht so einfach? Ich kann als Beispiel meinen Versuch nennen mit dem Weissen Ring zusammen zu arbeiten. Wie es sich herausstellte, gab es außer der Opferarbeit (für die es auch wichtig ist, keinen einfachen direkten Zugang zugeben) keine einmalige praktische Arbeit. In der Landesstelle Hamburg arbeiten zwei Personen festangestellt, alle anderen Helfer sind ehrenamtlich tätig. Und während ihrer Ehrenamtszeit schaffen sie gerade die Aufgaben die anstehen. Die feste Struktur hilft hier, dass die Ziele der Initiative trotz der geringer Ressourcen erreicht werden.

Jede Kooperation bedeutet Arbeitswaufwand! Zeit für Gespräche, Anpassung der Zusammenarbeit,… Und dann kann es sein, dass das Kooperationsprojekt das eigentliche Ziel der Initiative nicht voranbringt. Und da es bei freiwilliger Arbeit nie um Geld geht, ist auch nicht jeder besonders zuverlässig. Es kann schnell mal jemand aussteigen, und der gesamte Aufwand war umsonst. Viele Initiativen arbeiten daher lieber mit ihrem festen Team. Einfach ist es natürlich wenn jeder A-Engagierte ein Charity-Projekt für die Initiativen veranstaltet, und die Einnahmen spendet. Aber warum sollte er? Dann kann er das Geld auch direkt für seine eigene Idee spenden.

Und selbst wenn es die Strukturen bieten, dass ein A-Engagierter ein eigenes Projekt aufbauen kann, gibt es nicht immer Nachfrage. Christian vom NABU hat beim letzten UrbanCamp z.B. einen Gewässernachbarschaftstag veranstaltet. Es gibt bereits mehr Helfer als gesucht. Und er sucht eher Projektleiter die eigene Gewässernachbarschaftstage organisieren.

Mit desto mehr Initiativen ich zusammen arbeite, desto eher ergeben sich Muster, wo eigenständige Projekte eingebunden werden könnten. Altersheime suchen Unterhaltungsprogramme und Jugendarbeit sucht Vorbilder und Mentoren . Aber diese Muster zu sehen, braucht Zeit und Arbeit mit den Initiativen. Und erst dann können diese Projekte an A-Engagierte kommuniziert werden.

Lösungsansätze:

Im Moment glaube ich an:
Es sollte für jedes Gebiet Community Manager/Quartiersmanager/Moderatoren geben, die die Bedürfnisse des Stadtteils und der dort ansässigen Initiativen analysieren und sammeln, und daraus Aufgaben/Projekte erarbeiten. (Also, so wie ich es gerade im Ansatz versuche. So wie der NLP-Coach aus Stefans Bericht). Wenn wir dann eine 4-Tage-Arbeitswoche haben + 1 Tag für Gesellschaft & Soziales: Können wir an diesem einen Tag die Probleme unserer Umgebung gemeinsam lösen. Aber nach welchem Format könnte das funktionieren? BarCamp? Tauschring & Zeitspender? Marktplatz? NextHamburg? Oder alles im Wechsel? Und wer sollte die Aufgabe des Community Mangers übernehmen? Und wer sollte diesen Posten bezahlen? Und wo wird alles organisiert? In Betahäusern? Oder Freiwilligenzentren?

Ich werder weiter versuchen zu entdecken, was besser/schlechter funktioniert. Erst durch mehr Zusammenarbeit mit den Initiativen lässt sich herausfinden, was sie und wir brauchen. Es wird nächstes Jahr wieder ein UrbanCamp geben. Die nächsten Veranstaltungen von Hometown Glory laufen ab Januar. Und die socialbar ist am 27.1.2011 im Betahaus. Jeder der Interesse hat eigene Erfahrungen zu sammeln ist herzliche eingeladen ein UrbanCamp, Hometown Glory Veranstaltungen oder eine socialbar in seiner Stadt zu organisieren. Ich freue mich auf Austausch :)

Wichtige Punkte sind jetzt meiner Meinung nach:

  • Die meisten kleinen Initiativen beherrschen kaum Grundlagen des Freiwilligen- und Projektmanagements. Hier brauchen wir ein gutes Coaching. Oder Tool.
  • Und dementsprechend gute Anlaufstellen für Neugründer sozialer Initiativen (Besprechen wir auch bei der nächsten socialbar am 27.1)
  • Langfristig wäre es gut eine 4-Tage-Woche + 1 Tag für Gesellschaft&Soziales zu haben. Also auf engagementzweinull.de für Punkt 7.3 stimmen!
  • Es ist bestimmt kein Zufall, dass Weltretter.org jetzt technisch kaputt gegangen ist. Zeit für neue Erfahrungen – und dann für einen Neuaufbau. Schauen wir mal ;)
  • Ansonsten bin ich gespannt wie sich http://www.niriu.com/ und http://protonet.info/ entwickeln werden.

…und wenn das mit einem Tag für Gesellschaft & Soziales irgendwann gut klappt, fange ich auch an, an das Bedingungslose Grundeinkommen zu glauben.

5 comments

  1. Liebe Anne, der Absatz “Strukturen verändern” in deinem Blogbeitrag beschreibt die Situation sehr gut.
    Ich glaube auch, dass sich große Organisationen “nicht mal eben” verändern können. Lange gewachsene Strukturen, Konkurrenzdenken und eine starke Meinung von Lobbyisten stehen im Weg.
    Wenn es dann zu spontanen Engagementsanfragen kommt, fehlen entweder die entsprechenden Projekte, die kurzfristig angegangen werden können, oder die Menschen für diese Projekte.
    Dieses Dilemma wird sich m.E. bei den großen Organisationen nicht so schnell auflösen lassen.

    Anders sieht das bei kleinen Initiativen aus. Diese sind wesentlich flexibler, ihnen fehlt es manchmal ein bißchen am KnowHow – wie du schreibst – aber daran lässt sich relativ leicht etwas ändern.

    Ich glaube, dass sich die Zukunft der Sozialen Einrichtungen und somit auch die des freiwilligen Engagements in Richtung kleine Vereine und Initiativen entwickeln wird. Die großen Organisationen sind wie schwere Tanker, einmal auf Kurs gebracht dauert es zu lange, bis sie reagieren können. Die kleinen Initiativen sind hier flexibler und manches Mal auch offener für Veränderungen.

    Deine Rolle in dieser ganzen Entwicklung finde ich interessant: Du betrachtest sowohl große Organisationen, als auch kleine Initiativen von Außen und hast einen guten Blick auf die Art, wie diese arbeiten und wo es vielleicht Defizite gibt. Solche externen BeobachterInnen sind aus meiner Sicht dringend notwendig. Ein großer Verband wird zwar vielleicht nicht direkt auf deine Beobachtungen reagieren, gerade kleine Initiativen kannst du damit aber sehr nachhaltig unterstützen. Und vielleicht reagieren “die Großen” dann ja auch mal irgendwann, wenn sie sehen, wie erfolgreich “die Kleinen” in ihren Nischen arbeiten.

  2. Moin Stefan.

    Danke für Dein ausführliches Feedback.

    Auch bei den großen Verbänden kommt es immer auf die Menschen an, auf die man trifft. Einige fangen in ihrer Unterabteilung an, kleine Veränderungen vorzunehmen. Aber am Besten/Einfachsten arbeitet es sich tatsächlich mit “den Kleinen” ;)

  3. Hallo Anne, vielen Dank für deinen Beitrag mit diesen vielen wertvollen Erfahrungen. Du hast sicherlich Recht, dass viele kleinerer Initiativen kaum auf Erfahrung mit Freiwilligenmanagement oder entsprechenden Tools zurückgreifen können. Da haben größere NPOs / NGOs mit entsprechenden Stabsstellen (Freiwilligen-Management) große Vorteile. Das es häufig dennoch funktioniert, liegt m.E. darin begründet, dass kleinere, autarke Projektgruppen und Initiativen eben viel besser, schneller und authentischer auf Umweltveränderungen reagieren können. Allerdings — und das ist eben die andere Seite der Medaille — stoßen kleinere Initiativen auch schneller an ihre Grenzen und können ihre eigenen Ziele mithin einfach nicht erreichen, weil das Management nur mäßig gut (oder überhaupt nicht) funktioniert.

    Deine Idee eines Quartiersmanagements, das sich um die Vernetzung einzelner Initiativen vor Ort kümmert und sie beim Projekt- bzw. Freiwilligenmanagement unterstützt klingt m.E. sehr nach dem Anliegen, das auch im Papier zur Engagementstrategie formuliert ist: “Bund, Länder und Kommunen sind zentrale Akteure in der Engagementförderung”.

    Ich finde den Gedanken dabei auch gar nicht schlecht. Sicherlich könnte man mit der Unterstützung kleinerer Initiativen viel mehr kreatives Potential kultivieren als mit der blinden Förderung großer Tanker des Dritten Sektors möglich wäre. Doch frage ich mich, ob das für den Ausbau unserer Zivilgesellschaft wirklich zielführend ist. Kleinere Initiativen können sicherlich punktuell, lokal und zeitlich begrenzt politisches Kapital (Gewicht oder auch Aufmerksamkeit) erzeugen, bleiben aber de facto hinter den großen Organisationen weit zurück. Letztendlich macht die Forderung, dass Bund, Länder und Kommunen die Engagementförderung in die Hand nehmen sollen, auf mich den Eindruck des “teile und herrsche”: Bloß keine starke Zivilgesellschaft — Helfer ja, aber bloß kein Widerspruch aus der Bürgerschaft.

    Was bei aller Erneuerung m.E. gern übersehen wird: Es gibt bereits eine Infrastruktur der Zivilgesellschaft; wir nennen sie den Dritten Sektor. Es gibt auch schon Einrichtungen, die sowohl Initiativen als auch NPOs / NGOs bei ihrer Arbeit mit Freiwilligen unterstützen. Die Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland vom fjs e.V. ist eine, div. Freiwilligenagenturen sind andere…. Leider werden aber die Leistungen für diese Art Infrastruktureinrichtungen der Zivilgesellschaft sukzessive zusammengekürzt. Die ohnehin ausgebrannten Kommunen sollen sie unter dem Label “freiwillige Leistungen“ weiterführen, was dann aber wiederum die Gefahr birgt, dass es, wenn es der Politik zu bunt (zu zivil) wird, die Mittel zusammengestrichen werden können — was leider zu erwarten ist.

    Ich für meinen Teil glaube, dass traditionelle NPOs und NGOs ernstzunehmende Anreize brauchen selbst Initiativen und Projekte aufzunehmen und diese in ihrer Wirkungsmacht (echtepolitische Partizipation) unterstützen. Damit würden sie dann nämlich auch wieder ihr eigenes ideelles Ziel verfolgen — was auch immer es sein mag — um die Gesellschaft voran zu bringen.

    PS: Als Hostblogger dieser Runde der NPO-Blogparade begrüße ich dich herzlich in unserem erlauchten Kreis :-)

    PPS: Wenn dich das Freiwilligenmanagement interessiert (es machte den Anschein) schau doch mal auf unserer Facebook-Seite vorbei — wenn du die nicht schon lange gefunden hast.

  4. Moin Hannes

    Danke für Dein ausführliches Feedback :)

    Ich denke es ist immer eine Frage, was für Partizipation man erreichen möchte.

    Wenn es “nur” um Helfer geht, also z.B. um Angebote für Jugendliche, sind viele kleine Initiativen gut, die auch wissen, was lokal gebraucht wird. Natürlich ist es sinnvoll einen Austausch untereinander aufzubauen, damit (wie bei der socialbar) Best Practices ausgetauscht werden können.

    Anders ist es, wenn es um politische Partizipation geht, und große Bündnisse aufgestellt werden, um Einfluss zu üben. Aber diese müssen dann vielleicht auch nur zielgerichtet und zeitlich beschränkt für ein Thema sein?

    Ich habe bei meiner Formulierung tatsächlich eher an die Helfer gedacht. Also die Menschen, die pragmatisch die Probleme vor Ort lösen. Und damit Gemeinschaften und Integration erzeugen.

    Ja, es gibt bereits Infrastruktur, und die Freiwilligenzentren hier in Hamburg agieren prima zusammen im Aktivoli-Netzwerk. Aber es wäre schöner wenn es mehr geben würde. Und diese Infrastruktur nicht zusammengekürzt wird. Deswegen meine ich für jedes Gebiet!

    Bei Facebook bin ich bei euch, na klar, schon dabei ;)

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